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Breites Spektrum an Erlebnissen

Erfahrungen mit Racial Profiling machen unterschiedliche Gruppen. Berichte existieren von Schwarzen Schweizer*innen, People of Colour, Jenischen, Sinti, Roma, Trans*, Sexarbeitenden, Muslima/en und Migrant*innen mit verschiedenen Aufenthaltsstatus –inklusive Geflüchtete und Sans-Papiers, die in der Schweiz wohnhaft sind. Auch wenn Hautfarbe und andere rassifizierte oder ethnisierte Charakteristika für die Polizei scheinbar die entscheidenden sind, spielen in den konkreten Situationen je nach Kontext das Alter, Geschlecht, der Aufenthaltsstatus, Aufenthaltsort, die Staatsangehörigkeit, Religion, Sprachkenntnisse, Kleidung, der Klassen- und Einkommensstatus, aber auch die Haarfarbe, Haartracht sowie weitere Merkmale eine wichtige Rolle. Zudem unterscheiden sich die befragten Personen in vielen weiteren Aspekten, sodass sich eine Fülle an unterschiedlichen Berichten ergibt.

 

Intersektionale Differenzkategorien

In den Berichten unserer Interviewpartner*innen werden insbesondere die Differenzkategorien Aufenthaltsstatus, Geschlecht und Sprache als prägend für ihre Interaktion mit der Polizei beschrieben. Im kontrastierenden Vergleich und in der Analyse zeigt sich, dass es oft die Mehrfachzugehörigkeiten zu diesen Differenzkategorien – und deren Wahrnehmung der Polizei – sind, die den polizeilichen Fokus und die Kontrollen beeinflussen:

  • Aufenthaltsstatus: Eine Häufigkeit diskriminierender Polizeikontrollen fanden sich in Berichten von Personen mit laufendem Asylverfahren und von Sans-Papiers. Sie schildern häufiger Gewalterfahrungen und sehr direkte rassistische Äusserungen von Polizist*innen sowie unrechtmässige Leibesvisitationen, Durchsuchungen und die Mitnahme für weitere Abklärungen auf den Polizeiposten.

«Ich glaube, dass die Polizei denkt, wenn du keine Papiere hast, hast du keine Rechte und sie können alles mit dir machen. Die machen alles mit dir, was sie wollen, alles!» (Ahmed Abdu)

«Because it depends on the quality of your ID, if you have an N or F or B status, that even changes the reaction of the police towards you.» (Tahar Baznani)

  • Geschlecht: Schwarze Männer werden öfter als kriminell, «illegal» und gewalttätig stigmatisiert. Sie erleben auch mehr körperliche Gewalt, während Schwarze Frauen von der Polizei häufig als Sexarbeitende angesprochen werden.

«Le policier fait des chôses qu’il normalement n’a pas le droit de faire.» (Lucie Cluzet)

«[T]hey said, ja, all of you, the North African only come here to make problems.» (Tahar Baznani)

«Ich war einmal unterwegs von Wetzikon nach Zürich. (…) Und es waren drei uniformierte Polizisten im Zug, die zu mir gekommen sind, es waren zwei Männer und eine Frau. Ich bin im Abteil mit einem Freund gesessen, rundherum waren sehr viele Leute. Sie sagte: ‹Öffne deinen Mund.› Und ich sagte: ‹Was suchen Sie in meinem Mund?› Dann hat sie sofort meinen Hals gepackt, gewürgt, bis ich meinen Mund öffnen musste. Und sie sagte: ‹Ok, alles in Ordnung.› Die zwei anderen Polizisten beobachteten die Szene, aber reagierten nicht. Und ich: ‹Haben Sie gesehen, was sie gemacht hat?› Und die Reaktion: ‹Jaja, alles gut.›» (Omar Zaman)

  • Sprache: Menschen, die Schweizer Mundart sprechen, berichten von erleichterten Interaktionen mit der Polizei. Die Kommunikation im Dialekt habe Kontrollsituationen zum Teil einfacher und schneller gestaltet.

«Bei mir ist es oft so, dass ich je nachdem, auch in anderen Situationen, komisch oder anders behandelt werde und sobald ich anfange Berndeutsch zu reden und sie das merken, macht es zack und dann ist alles anders.» (Ebony Amer)

  • Sozialer Status: Die vermeintliche Klassenzugehörigkeit, der scheinbare sozioökonomische Status und das soziale Umfeld spielen eine wichtige Rolle – etwa bei Menschen, die einen Studierendenstatus haben und die berichten, dass dies ihnen mehr Respekt von Seiten der Polizei verschafft habe, oder indem sie sich besonders chic kleiden.

«[W]hen I have an important meeting […], when I need to go to Hauptbahnhof […] for example, I wear a nice classic suit with the hat, just to not be recognized by the police and catch me before this important meeting for me.» (Tahar Baznani)

 

Symptomatische Erfahrungen

Obwohl jede Erfahrung individuell ist und sich die Betroffenheit entlang der oben skizzierten Differenzdimensionen unterscheidet, finden sich in den Berichten auch viele Überschneidungen und Ähnlichkeiten:

  • Rassistisches Targeting: Fast alle Befragten beschreiben Situationen, in denen sie in einer Menschenmenge aufgrund ihrer Hautfarbe in den Fokus der Polizei geraten.

«Wir bewegen uns wie normale Menschen auf der Strasse und sie kommen einfach zu uns und fragen nach unserem Ausweis. Der Grund ist unsere Hautfarbe. Es gibt keinen anderen Grund.» (Cabaas Xasan)

«[T]hey control me specifically because of my color. Because he [the police officer] didn’t control the other people, so that is for me racial.» (Phil Steward)

  • Ausgesetztsein – rassistisches Blickregime: Viele berichten, dass sie sich während der Polizeikontrolle als «ausgestellt», wie «im Zirkus», als «Mensch zweiter Klasse», als Menschen mit «limited rights» gefühlt haben. Insbesondere die Kontrolle im öffentlichen Raum und vor den Blicken der (meist weissen) Passant*innen verschärft die Situation und die Wirkung bei den Betroffenen. Auch nach der Kontrolle seien abschätzige Blicke auf sie gerichtet. Von Unterstützung durch Passant*innen konnte fast keine der befragten Personen berichten.

«Ils [les policiers] nous traitent comme des animaux!» (Salah Chant)

«Police checked me, the other people looked at me. What happened to my dignity?» (Chandra Macasche)

«Ich bin, wie alle anderen Pendler, durch den Bahnhof Zürich gegangen und zwei Polizisten und eine Polizistin kommen zu mir: Zack! Ausweis! Und ich habe gesagt: ‹Warum? Warum ich alleine? Und alle anderen?› Und ich habe gesagt: ‹Wie würden Sie sich fühlen, so alleine rausgepickt von all diesen Pendlern, um sieben Uhr am Morgen?› »(Mamadu Abdallah)

  • Stigmatisierung & Kriminalisierung: Durchgehend beschreiben die Befragten die Kontrollen als ungerechtfertigte und stereotype Zuweisung. Entweder offen oder subtil wird ihnen vermittelt, ein ‹Problem› zu sein, unter Kontrolle gehalten werden zu müssen und mindestens potentiell ein Straftäter zu sein.

«Ich fühlte mich wie ein Krimineller. Ich war noch nie als Täter bei der Polizei, nur dafür, dass ich existiere. Ich kann ja nichts dafür, dass ich so auf die Welt gekommen bin.“ (Wakur Bari)

«Du fühlst dich so minderwertig, wenn die Polizei dich kontrolliert. Ich frage mich: Wieso immer ich? Steht etwas auf meiner Stirn?» (Ahmed Abdu)

«Ich komme aus der Migros, vollgepackt mit meinen Einkäufen, was denken sie denn? Dass ich jetzt Drogen verkaufe? Was sollte ich Gefährliches tun? Das habe ich ihnen so gesagt. Der Polizist war so hart, wirklich ein SVP-Polizist, sie wollten, dass ich meine Jacke ausziehe. Und dann haben sie mich gelassen.» (Mamadu Abdallah)

  • Gefühle & Affekte: Für fast alle der interviewten Personen waren die diskriminierenden Personenkontrollen der Polizei eine demütigende und beschämende Erfahrung. Sie schildern z.T. massive Ängste und weitere Affekte, die in der Situation und auch lange danach bei ihnen ausgelöst werden. Viele berichten von einem erhöhten Misstrauen gegenüber der Polizei, die sie nicht als Sicherheitspersonen oder als Helfende gegen Diskriminierung, sondern gegenteilig wahrnehmen. Neben Ängsten äußern Betroffene auch Wut oder Verzweiflung.

«After being checked, I felt totally uncomfortable. … Because the people, society looks differently.» (Chandra Macasche)

«Die Kontrolle ist vor acht Monaten passiert, aber die Angst bleibt und das Erlebnis sitzt noch tief in mir. Jedes Mal, wenn ich die Polizei sehe, habe ich Angst.» (Jamal Hussaini)

«Also, ich erlebe oft Situationen, in denen ich aufgrund meiner Hautfarbe und eigentlich immer, ob es bei Polizeikontrollen gewesen ist oder ob mich jemand wildfremdes auf Hochdeutsch oder Englisch anspricht, dann habe ich zum einen das Gefühl von Trotz und Wut. Fange dann meistens auch innerlich an zu zittern, weil ich mich wehren will.» (Zoe Hetti)

  • Großer Schritt zur persönlichen Anerkennung der Ungerechtigkeit: Viele Betroffene berichten, dass sie die Kontrollen zu Beginn als beschämend und/oder übergriffig empfanden, es aber einige Zeit der Auseinandersetzung mit Freund*innen und Bekannten brauchte, um aus eigenen Schuldzuweisungen und dem ‹Herunterschlucken› des Erlebten in eine aktive Auseinandersetzung zu kommen. Als typischen Umgang mit Rassismuserfahrung versuchen viele lange Zeit, mit den Kontrollen leben zu können.

«I was asking myself, am I a trouble, I had to talk to myself, am I really a trouble maker? Am I making problems? Is it only me that this is happening to? I had to figure out, maybe change my way of life or how I dress or where I go? Then I started to meet people, then I realized each person that I met had a story to tell. That gave me the picture, ah, it’s not only me who had this.» (Jay Anderson)

  • Umgangsstrategien: Die Befragten gehen in unterschiedlicher Weise mit der Gefahr um, alltäglich kontrolliert zu werden. Viele berichten, die mögliche Kontrolle immer zu antizipieren, früher zu Terminen zu gehen oder den Ausweis auch bei kleinen Gängen vor die Tür auf jeden Fall mitzuführen. Manche versuchen sich so zu camouflieren, dass sie möglichst wenig in das Raster der Polizei fallen. Oder sie umgehen bestimmte Orte oder vermeiden den abendlichen Ausgang, an denen sie mit häufigen Kontrollen rechnen. Andere entscheiden sich bewusst dafür, sich von den Polizeikontrollen nicht in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken zu lassen. Wieder andere sind sehr aktiv bei diskriminierenden Kontrollen: Sie fragen nach dem Grund, diskutieren mit Polizist*innen und verweigern das Zeigen des Ausweises, wenn ihnen die Kontrolle als Diskriminierung erscheint.

«I am not trying to avoid but I always expect it.» (Chandra Macasche)

«Nein, wenn du farbig bist, dann behältst du besser deinen Mund zu, und lebst möglichst diskret.» (Lucie Cluzet)

«I always ask ‹Why are you stopping me? What is your first instinct that makes you stop me?› Of course, they never say, ‹Because you are black.› Often I say, ‹Look me in the eyes and tell me the truth.› And they never look me in the eyes.» (Chisu Chilongo)

 

Forderungen

Die Betroffenen formulieren allgemeine Hoffnungen für den Umgang der Polizei oder anderer Behörden und der Gesellschaft mit ihnen – sowohl in Bezug auf die Bekämpfung von Rassismus in konkreten Interaktionen wie auch in strukturellen und institutionellen Settings. Die konkreten Forderungen betreffen die bessere Umsetzung von Menschenrechten und Antidiskriminierungsgesetzen sowie der Ausgabe von Quittungen bei den Kontrollen, auf denen der Grund und das Ergebnis der Kontrollen vermerkt sind. Ausserdem sollten im Polizeikorps mehr Angehörige von Minoritätengruppen und mehr Sprachkenntnisse vertreten sein.

«Il faut qu’ils [les policiers] recevoir une meilleure éducation, une éducation morale. Il faut qu’ils savent qu’on est des humains, qu’on a des droits.» (Salah Chant)

«Ich würde mir wünschen, dass sie eine klare Vorgehensweise bei Kontrollen haben und, dass es von allen Polizisten respektiert wird. Zum Beispiel Bodycams. Wenn jemand sich beklagt, hat man einen Beweis. Oder auch, dass die Polizisten wie in London eine Erklärung oder Quittung abgeben zur Kontrolle.» (Omar Zaman)

Von Passant*innen und Mitreisenden wünschen sich die Interviewten, dass diese in die Kontrollen intervenieren, beispielsweise indem sie die kontrollierte Person ansprechen und fragen, ob sie Hilfe benötigen. Damit werde den Kontrollierenden signalisiert, dass sie beobachtet werden.

«Dass Menschen kommen, die fragen, was ist hier los, warum wird diese Person jetzt kontrolliert. Cop-Watch, das finde ich fair.» (Denis Kramer)

Viele der interviewten Personen haben neben diskriminierenden Polizeikontrollen auch weitere rassistische Erfahrungen in ihrem Alltag, bei der Wohnungssuche, im Umgang mit Behörden, am Arbeitsplatz etc., gemacht und betonten deshalb, dass Rassismus kein besonderes Phänomen der Polizei, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das auf vielen Ebenen bekämpft werden muss.

«Alles was du im Ausland über die Schweiz hörst ist: Heidi, Berge, Menschenrechte etc. Ich hätte damals, bevor ich hierhergekommen bin, niemals gedacht, dass die Schweiz so ungerecht ist.»( Ahmed Abdu)

 

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